Kann Whisky im Weltraum reifen? Wie Ardbeg seinen Whisky ins All schoss – und was dabei rauskam

Stell dir vor, du bist Whiskymacher und stellst dir eine Frage, die noch niemand vor dir gestellt hat: Was passiert eigentlich mit Whisky, wenn er nicht in einem feuchten Lagerhaus auf Islay reift, sondern 200 Meilen über deinem Kopf um die Erde kreist? Genau diese Frage hat sich die schottische Destillerie Ardbeg gestellt. Und statt es bei der Frage zu belassen, hat sie tatsächlich eine Ampulle Whisky ins All geschossen. Kein Marketing-Gag, der nach zwei Wochen wieder vergessen war – ein echtes, jahrelanges Experiment mit einem Ergebnis, das selbst hartgesottene Verkoster überrascht hat.

Der Plan: Whisky, Eichenholz und die Schwerelosigkeit

Im Oktober 2011 schnürte Ardbeg ein ungewöhnliches Päckchen: eine Ampulle mit unreifem Ardbeg-Destillat, dazu Späne aus verkohlter amerikanischer Weißeiche – genau das Holz, aus dem sonst die Fässer sind. Über den amerikanischen Partner NanoRacks ging die Fracht zur Internationalen Raumstation ISS, ins US-Labormodul. Eine zweite, identische Probe blieb ganz klassisch in der Destillerie auf Islay zurück – als Kontrollgruppe.

Die Frage dahinter war wissenschaftlich fundiert: Terpene sind die Bausteine, aus denen sich Aromen aufbauen – bei Wein, bei vielen Lebensmitteln und eben auch bei Whisky. Wie verhalten sich diese Terpene, wenn die Schwerelosigkeit die Konvektion in der Flüssigkeit unterdrückt? Auf der Erde sorgt Schwerkraft dafür, dass sich Flüssigkeiten in Fässern durch Temperaturunterschiede ständig bewegen und durchmischen. Im All fällt dieser Effekt komplett weg.

Fast drei Jahre lang zog die kleine Ampulle ihre Kreise – mit rund 27.725 km/h um den Planeten. Erst am 12. September 2014 landete sie wieder sicher auf der Erde.

Das Ergebnis: Rauch, wie ihn noch niemand geschmeckt hat

Und dann kam der Moment der Wahrheit. Bill Lumsden, Ardbegs Director of Distilling, öffnete beide Proben – die Erdprobe und die Weltraumprobe – und ließ sie durch drei verschiedene Analyseverfahren laufen: Gaschromatographie für die flüchtigen Aromastoffe, HPLC für reifungsbedingte Verbindungen, und ganz klassisch die Nase und die Zunge.

Das Ergebnis: In drei von vier Analysestufen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen beiden Proben. Kein Rauschen im Messsignal, sondern ein echter, messbarer Effekt.

Die Erdprobe (auf Trinkstärke von 58,4 % auf 26 % reduziert) roch, wie man es von einem gereiften Ardbeg erwarten würde: Zedernholz, süßer Rauch, gealterter Balsamico, Rosinen, Vanille, ein Hauch verbrannte Orange.

Die Weltraum-Probe dagegen war ein völlig anderes Tier. Intensive Aromen von Antiseptikum-Rauch, Gummi und geräuchertem Fisch, dazwischen überraschend eine parfümierte Note wie Veilchen oder Cassis, kraftvolle Holztöne, die in ein fast fleischiges Aroma übergingen. Lumsden selbst sagte, er habe eine Rauchnote entdeckt, die er auf der Erde in dieser Form noch nie erlebt hatte.

Und es blieb nicht bei der reinen Verkostung: Auch bei den chemischen Analysen der Holzextraktstoffe fanden sich signifikante Unterschiede zwischen beiden Proben. Manche Aromaverbindungen kamen in beiden Proben nahezu identisch vor – andere unterschieden sich massiv. Verkoster konnten die beiden Whiskys jederzeit zuverlässig auseinanderhalten. Schwerelosigkeit, so viel steht fest, hat einen ganz realen Effekt auf die Reifung von Spirituosen.

Warum das mehr ist als eine PR-Aktion

Klar, ein Whisky im All ist eine Schlagzeile, die sich von selbst schreibt. Aber Ardbeg hat daraus mehr gemacht als ein Foto-Shooting mit ISS im Hintergrund. Lumsden erklärte, dass er nun daran arbeite, wie sich einige der neu entdeckten Aromen in zukünftige Ardbeg-Whiskys hier auf der Erde einbringen lassen – nicht durch einen Trip ins All, sondern durch ein besseres Verständnis davon, wie Konvektion und Bewegung in der Flüssigkeit die Aromabildung beeinflussen. Genau das ist der Punkt, an dem aus einem originellen Experiment echte Destillerie-Erkenntnis wird.

Zur Feier der veröffentlichten Ergebnisse brachte Ardbeg die letzte Abfüllung des Ardbeg Supernova exklusiv fürs Ardbeg Committee heraus – kein Weltraum-Whisky zum Kaufen, aber ein Stück Symbolik zum richtigen Zeitpunkt.

Nicht die einzigen im Orbit

Ardbeg war 2011 die erste Destillerie mit diesem Versuchsaufbau, aber nicht die letzte. 2015 schickte der japanische Konzern Suntory gleich sechs Proben unterschiedlich alter Whiskys (10, 18 und 21 Jahre) gemeinsam mit der japanischen Raumfahrtbehörde JAXA ins All – ins japanische Modul „Kibo“ der ISS. Anders als Ardbeg ging es Suntory nicht in erster Linie um neue Raucharomen, sondern um eine fundamentalere Frage: Wie entsteht überhaupt die „Mellowness“ – also die Abrundung und Weichheit, die ein Whisky beim Reifen gewinnt? Die Theorie: Ohne die ständige Durchmischung durch Konvektion könnten sich in der Flüssigkeit besondere, hochdimensionale Molekülstrukturen bilden, die genau diesen Effekt begünstigen. Ein spannender Ansatz – nur leider ist zu den konkreten Verkostungsergebnissen bislang wenig öffentlich dokumentiert.

Fazit

Ob man es nun geniale Grundlagenforschung oder wunderbar durchgeführten PR-Coup nennt – wahrscheinlich ist es beides. Fakt ist: Schwerelosigkeit verändert nachweislich, wie sich Aromastoffe in Whisky entwickeln. Und während wir hier in Hohenlohe unsere Fässer im Dunkeln reifen lassen und uns über Luftfeuchtigkeit und Temperaturschwankungen Gedanken machen, hat Ardbeg bewiesen: Die Grenzen der Whiskyreifung sind noch lange nicht ausgereizt – notfalls auch nicht die Erdatmosphäre.


Häufig gestellte Fragen zum Ardbeg-Weltraum-Whisky

Wann hat Ardbeg Whisky ins All geschickt?
Im Oktober 2011 wurde eine Ampulle mit unreifem Ardbeg-Destillat und Eichenholzspänen zur Internationalen Raumstation ISS geschickt. Die Rückkehr zur Erde erfolgte fast drei Jahre später, am 12. September 2014.

Was wollte Ardbeg mit dem Experiment herausfinden?
Es ging um den Einfluss von Schwerelosigkeit auf Terpene – die Aromabausteine in Whisky. Insbesondere interessierte, wie sich das Fehlen von Konvektion (der durch Schwerkraft ausgelösten Flüssigkeitsbewegung) auf die Reifung auswirkt.

Schmeckt der Weltraum-Whisky anders als normaler Whisky?
Ja, deutlich. Die Weltraumprobe zeigte intensive Noten von Antiseptikum-Rauch, Gummi und geräuchertem Fisch sowie überraschend blumige Töne wie Veilchen – ein Aromaprofil, das laut Bill Lumsden auf der Erde in dieser Form nie zu finden war.

Kann man den Ardbeg-Weltraum-Whisky kaufen?
Nein, die Probenmenge war für ein Trinkprodukt viel zu gering. Ardbeg feierte die Ergebnisse stattdessen mit einer limitierten letzten Abfüllung des Ardbeg Supernova exklusiv für das Ardbeg Committee.

Hat außer Ardbeg noch eine andere Destillerie Whisky ins All geschickt?
Ja. Suntory aus Japan schickte 2015 gemeinsam mit der Raumfahrtbehörde JAXA sechs Proben unterschiedlich alten Whiskys zur ISS, um die Entstehung von „Mellowness“ – der Weichheit gereifter Spirituosen – zu erforschen.


Erstellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft von Matthias Kaufmann / Artsequence Spirits.

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