Schotten trinken Boston leer!

Wenn die Schotten kommen, wird’s eng an der Theke

Es gibt Nationen, die Fußball spielen. Und es gibt Schottland.

Die Schotten spielen auch Fußball – aber darum geht’s eigentlich nicht. Es geht ums Drumherum. Es geht um das, was passiert, wenn zehntausende Männer in Schottenröcken in eine Stadt einmarschieren, das erste Bier bestellen und einfach nicht mehr aufhören.

Boston 2026: Die Stadt hatte keine Chance

WM 2026. Schottland ist dabei – zum ersten Mal seit 28 Jahren. Und wer gedacht hat, die Tartan Army wartet ruhig auf den Anpfiff: falsch gedacht.

40.000 bis 50.000 Schotten pilgern nach Boston, Massachusetts. Die Stadt mit der stärksten irischen Diaspora Amerikas. Die Stadt des Samuel Adams Boston Lager. Die Stadt, die glaubte, sie sei auf alles vorbereitet.

War sie nicht.

Das Samuel Adams Boston Taproom meldet, dass ihre Gäste das komplette Lager innerhalb weniger Tage leergezogen haben. Die Boston Beer Company schickt Notfalllieferungen los und gibt bekannt, dass die Schotten von Donnerstag bis Sonntag viermal so viel Bier getrunken haben wie das Unternehmen normalerweise über ein komplettes Feiertagswochenende – 4. Juli inklusive – vorrätig hält.

Noelle Somers, Chefin der Hennessy’s Bar, fasst es so zusammen: Sie haben noch nie etwas Vergleichbares in über 30 Jahren erlebt. Der Umsatz übertraf den St. Patrick’s Day um das Dreifache. Der Abend nach dem 1:0 gegen Haiti – der erste schottische WM-Sieg seit 36 Jahren – endete damit, dass das Bier schlicht ausverkauft war.

Paul Morris von der Taverne The White Bull bringt es auf den Punkt: „Uns ist alles ausgegangen.”

Alles.

München 2024: Bayern trifft Highland

Das war kein Einzelfall. Zwei Jahre vorher, EM 2024. Deutschland eröffnet das Turnier gegen – wen sonst – Schottland. Austragungsort: München.

Die Tartan Army marschiert am Marienplatz ein. Sie bevölkern den Englischen Garten, singen am Chinesischen Turm, und gehen dann methodisch durch die Münchner Kneipen. Erstaunlicherweise friedlich. Ausgelassen bis auf die Knochen, aber ohne Ärger.

Bier wurde knapp. Die ersten Läden meldeten leere Hähne noch vor Spielbeginn.

Bayern trifft Highland. Die Bayern haben verloren. Nicht das Spiel – das Bier.

Was das mit uns zu tun hat

Jetzt sagst du vielleicht: schön und gut, aber was hat das mit Spirituosen zu tun?

Alles. Und nichts.

Es geht um eine Einstellung zum Trinken, die wir in Deutschland gerade verlieren. Die Schotten trinken nicht, um zu betäuben. Sie trinken, um zu feiern. Um dabei zu sein. Um einen Moment zu markieren der 28 Jahre auf sich warten ließ.

Das ist der Unterschied zwischen Konsum und Genuss. Zwischen wegsaufen und ankommen.

Klar, ein Fass Bier in vier Tagen leertrinken ist nicht das, was ich unter bewusstem Genuss verstehe. Aber die Energie dahinter – das kollektive Erleben, das Ritual, die Verbindung die Alkohol in diesem Moment schafft – das ist etwas anderes als das dritte Feierabendbier alleine auf der Couch.

Genau darüber reden wir hier bei Artsequence.

Nicht über mehr. Über besser.

Während der Marburger Bund gerade diskutiert, ob Spirituosen aus den Supermarktregalen verschwinden sollen, trinken 50.000 Schotten eine amerikanische Großstadt leer – und alle reden drüber mit einem Lächeln im Gesicht.

Vielleicht ist die Frage nicht wie viel jemand trinkt. Vielleicht ist die Frage warum.


Artsequence Spirits – Gelbinger Gasse 7, Schwäbisch Hall. Di–Sa 11–17 Uhr.

Hinterlasse einen Kommentar