Was ist eigentlich Gin — und welche Stile gibt es?

Es gibt Fragen, die einfach klingen — und deren Antwort einen in eine ganz neue Welt führt.

„Was ist eigentlich Gin?” ist so eine Frage.


Wo alles begann — der Genever

Die Geschichte des Gins beginnt nicht in einer hippen Berliner Destillerie. Sie beginnt im 17. Jahrhundert in den Niederlanden.

Ein niederländischer Arzt namens Franciscus Sylvius entwickelte damals ein Wacholderdestillat als Medizin — gegen Nierenleiden, Magenprobleme, schlechte Laune. Er nannte es Genever, abgeleitet vom französischen Wort für Wacholder: genièvre.

Der Genever ist der Urahn aller Gins. Er ist malziger, voller, schwerer als moderner Gin — fast ein Hybrid zwischen Gin und Whisky. In den Niederlanden und Belgien wird er bis heute hergestellt und getrunken. Wer Gin wirklich verstehen will, sollte den Genever kennen.

Die britischen Soldaten, die im Dreißigjährigen Krieg in den Niederlanden kämpften, tranken dieses Mittelchen — nicht unbedingt wegen der Nieren, sondern wegen des Mutes, den es verlieh. Sie nannten es „Dutch Courage” und brachten es mit nach Hause.

In England wurde daraus Gin. Und der Rest ist Geschichte.


Was ist Gin — und wie entsteht er?

Gin beginnt immer mit neutralem Alkohol — einem hochrektifizierten Primasprit. Gesetzlich vorgeschrieben: Dieser Alkohol muss aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen stammen. Getreide, Zuckerrüben, Trauben — der Ursprung ist immer natürlich, nie synthetisch.

Dieser Primasprit wird auf die richtige Stärke verdünnt. Dann kommen die Botanicals ins Spiel — Wacholderbeeren und weitere Pflanzen, Früchte, Wurzeln oder Gewürze werden eingelegt. Man nennt das Mazeration. Der Alkohol ist dabei bereits vorhanden — er zieht die Aromen der Botanicals heraus.

Danach wird das Ganze nochmals destilliert. Die Aromen verdichten sich, verfeinern sich, werden zu dem, was am Ende im Glas landet.

Das ist der Unterschied zum Brand — beim Quittenbrand zum Beispiel entsteht der Alkohol erst durch die Gärung mit Hefe, die den Zucker der Frucht in Alkohol umwandelt. Beim Gin bringt man den Alkohol bereits mit.


Der Wacholder — Herz und Seele des Gins

Wer Gin wirklich verstehen will, muss den Wacholder verstehen.

Die Wacholderbeere — genauer gesagt der Zapfen der Wacholderpflanze — trägt ein intensives, harziges, leicht erdiges Aroma in sich. Dieses Aroma ist der Kern eines jeden Gins. Es ist das, was Gin zu Gin macht.

Bei einem hochwertigen Gin ist der Wacholder immer dominant im Vordergrund. Alles andere — alle weiteren Botanicals, alle Veredelungen, alle Experimente — begleitet den Wacholder, umarmt ihn, hebt ihn hervor. Aber es verdrängt ihn nie.

Das ist keine Geschmacksfrage. Es ist eine Frage der Qualität — und des Handwerks. Und des Gesetzes.


Was sind Botanicals?

Botanicals sind alle Pflanzen, Früchte, Wurzeln, Rinden und Gewürze, die einem Gin neben dem Wacholder seinen Charakter geben.

Die Auswahl ist riesig — von Koriandersamen über Angelikawurzel bis hin zu Zitrusschalen, Ingwer, Lavendel oder Rosenblüten. Jede Destillerie hat ihre eigene Rezeptur, ihre eigene Kombination, ihr eigenes Geheimnis.

Genau hier entscheidet sich, ob ein Gin interessant ist — oder vergesslich.


Die wichtigsten Gin-Stile

Gin ist eines der freiesten Destillate der Welt — solange der Wacholder dominiert. Das erklärt die enorme Vielfalt der Stile.

Genever

Der Urahn. Malzig, voll, komplex. Aus den Niederlanden und Belgien. Wer die Wurzeln des Gins verstehen will, fängt hier an.

London Dry Gin

Der Klassiker schlechthin — und der strengste. Keine Süßungsmittel, keine künstlichen Aromen, keine nachträglichen Zusätze nach der Destillation. Alles muss im Destillationsprozess entstehen. Trotz des Namens muss ein London Dry nicht in London hergestellt werden — es ist ein Qualitätsbegriff, keine Herkunftsbezeichnung.

Dry Gin

Ähnlich wie London Dry, aber mit etwas mehr Freiheit. Geringe Mengen Zucker dürfen nach der Destillation hinzugefügt werden. Der Stil ist trocken, klar, wacholderbetont.

Old Tom Gin

Ein historischer Stil, der gerade sein Comeback erlebt. Leicht gesüßt, weicher als London Dry — der Stil, der im 18. Jahrhundert in England getrunken wurde. Ideal für klassische Cocktails wie den Tom Collins.

New Western Gin / Contemporary Gin

Der moderne Rebell. Hier dürfen andere Botanicals neben dem Wacholder stärker in den Vordergrund treten — Zitrus, Blüten, exotische Gewürze. Der Wacholder ist noch da, aber er teilt die Bühne. Dieser Stil hat den Gin-Boom der letzten Jahre maßgeblich mitgeprägt.

Sloe Gin

Streng genommen kein Gin, sondern ein Likör — Gin wird mit Schlehen angesetzt und gesüßt. Fruchtig, süßlich, tiefrubinrot. Ein schönes Wintergetränk, aber eine andere Kategorie.


Wo steht der Haller Gesprächsstoff?

Der Haller Gesprächsstoff ist klar verwurzelt in der Tradition des Dry Gin — mit dem Wacholder als unantastbarem Mittelpunkt, handwerklich hergestellt, mit lokalen Botanicals in nahezu Bioqualität.

Aber er ist auch neugierig. Die Kapitel 3 und 4 zeigen, was passiert, wenn man einen hochwertigen Dry Gin mit uralten Hölzern, echtem Gold oder zarten Rosenblüten veredelt. Das ist kein New Western Gin — der Wacholder bleibt immer der Protagonist. Es ist ein Dry Gin, der Geschichten erzählt.

Kapitel für Kapitel.


Neugierig geworden? Dann schau dir die einzelnen Kapitel des Haller Gesprächsstoffs an — oder komm einfach bei uns vorbei in Schwäbisch Hall.

Hinterlasse einen Kommentar