Blos eine Alkoholgeschichte!

„Der Kapitän und das letzte Fass“

Es war die dunkelste Nacht seit der Erfindung der Dunkelheit.

Käpt’n Matero von Schwäbisch Hall — gesucht in drei Landkreisen, gefürchtet in zwei Weinregionen, respektiert in mindestens einem Tattoostudio — stand breitbeinig auf dem Bug seines Schiffes und sah aus wie jemand der gleich was Illegales tut.

Was er auch tat.

„Käpt’n”, zischte seine erste Offizierin Lavischka, deren Piratenhut drei Nummern zu groß war, „sind wir sicher dass das eine gute Idee ist?”

„Nein”, sagte Matero. „Deshalb machen wir es.”

Er leerte sein Glas Wanted #5 in einem Zug. 60 Prozent. Fassstärke. Sein Blick wurde klar wie Quellwasser. Oder zumindest klarer als vorher.


Das Lager lag in der Stille der Nacht wie ein schlafender Drache. Drinnen: Fässer. Hunderte. Übereinander gestapelt bis zur Decke, jedes voller Geheimnisse, jedes wartend auf jemanden der mutig — oder verrückt — genug war, sie zu wecken.

Der Wachmann schlief. Natürlich schlief er. Matero hatte ihm zwei Stunden zuvor einen Wanted #4 eingeschenkt — Fassstärke, Maulbeerholz, mit Cream Sherry vermählt. Der Mann hatte drei Schlucke getrunken, „Heiligs Blechle” gesagt, und war sanft wie ein Baby eingeschlafen.

Sie schlichen rein.

Matero leuchtete die Reihen ab. Bourbon. Rum. Sherry. Portwein. Sein Herz schlug schneller mit jedem Fass. Lavischka stolperte über einen Eimer, fluchte auf Schwäbisch, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund — aber der bellte immer, der zählte nicht.

Und dann.

Ganz hinten. Verstaubt. Fast vergessen. Zwischen zwei leeren Paletten versteckt wie ein Schatz den jemand vergessen hatte zu heben.

Ein kleines Fass. Kaum 20 Liter. Dunkel vom Alter, feucht vom Keller, mit einem vergilbten Zettel dran auf dem in zittriger Handschrift stand:

„Maulbeere. 2019. NICHT ANFASSEN.”

Matero fasste an.

Der Moment als er den Stopfen zog und roch, würde später in die Geschichte eingehen. Nicht weil es dramatisch war — sondern weil es so verdammt gut roch. Fruchtig. Samtig. Tief wie ein Brunnen der nach Sommer schmeckt. Sechs Jahre Geduld in einem einzigen Atemzug.

„Was ist das?”, flüsterte Lavischka ehrfürchtig.

„Das”, sagte Matero mit der Stimme eines Mannes der gerade seinen Lebenssinn gefunden hat, „ist Wanted #10.”


Was dann passierte, war weniger elegant.

Lavischka stolperte beim Rückweg über dieselbe Katze die schon einmal im Weg gewesen war — eine fette, schwarze, offensichtlich bösartige Katze die aussah als wäre sie vom Schicksal persönlich geschickt worden um Piraten zu sabotieren. Das Fass schwankte. Matero riss es an sich. Lavischka fiel in ein Regal. Das Regal fiel in ein anderes Regal. Drei Flaschen Grappa fielen zu Boden und explodierten wie kleine alkoholische Granaten.

Das Licht im Wachraum ging an.

Der Wachmann — offensichtlich hatte der Wanted #4 weniger gewirkt als geplant — erschien in der Tür. Schlafanzug. Hausschuhe. Und ein Gesicht das aussah als würde gleich jemand Ärger bekommen.

„HEI! DES ISCH MEI FASS!”

„LAUFEN!”, brüllte Matero.

Was folgte war eine Verfolgungsjagd durch die Gassen der Schwäbisch Haller Altstadt die Zeugen später als „chaotisch aber irgendwie beeindruckend” beschreiben würden. Matero mit dem Fass auf der Schulter. Lavischka mit einem Hausschuh im Gesicht — woher auch immer der kam. Der Wachmann im Schlafanzug der erstaunlich schnell laufen konnte für jemanden der gerade aufgewacht war.

Sie erreichten das Boot.

Sie warfen das Fass rein.

Sie fuhren ab.

Der Wachmann stand am Ufer des Kochers und schüttelte die Faust. Dann seufzte er. Dann ging er zurück. Dann trank er den Rest des Wanted #4 und entschied dass das Leben eigentlich ganz okay war.


Drei Monate später stand im Laden in der Gelbinger Gasse eine neue Flasche.

Kein schickes Etikett. Kein großes Marketing. Nur ein handgeschriebener Zettel:

„Wanted #10 — Das gestohlene Fass. Maulbeere. 2019. Fassstärke. Limitiert auf 19 Flaschen. Wir sagen nicht woher.”

Ausverkauft in vier Tagen.

Der Wachmann bekam Flasche Nummer 1 persönlich gebracht. Er hinterließ eine 5-Sterne-Bewertung bei Google. Text: „Coole Auswahl. Kann es allen nur empfehlen mal vorbeizuschauen.” 🥃


Artsequence-Spirits. Wir erbeutern was wir lieben. 🏴‍☠️

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