Ahoy, liebe Crew,
nach Herkunft und Geschichte (Teil 1) und der Melasse-gegen-Agricole-Frage (Teil 2) kommt jetzt ein Punkt, der viele überrascht: Muss Rum eigentlich zwingend in der Karibik gebrannt werden, damit er „Rum“ heißen darf? Die Antwort ist ein klares Nein – und genau das erklärt auch, warum ihr bei uns im Regal Rum stehen habt, der nie einen karibischen Brennkessel von innen gesehen hat.
Die EU regelt den Rohstoff, nicht den Ort
Die entscheidende Rechtsgrundlage ist die EU-Spirituosenverordnung (EU) 2019/787. Sie legt fest, woraus Rum bestehen muss: ausschließlich aus vergorener Melasse, Zuckerrohrsirup oder Zuckerrohrsaft, destilliert auf unter 96 Prozent Vol., mit mindestens 37,5 Prozent Vol. Trinkstärke, ohne künstliche Aromen. Was die Verordnung nicht vorschreibt: den geografischen Ort der Destillation. Das heißt konkret: Wer karibische Melasse importiert und sie in Deutschland fermentiert und destilliert, stellt vollkommen legalen, echten Rum her – solange die Rohstoff- und Herstellungskriterien eingehalten werden.
Genau nach diesem Prinzip funktioniert übrigens auch einer unserer eigenen Wanted-Rums: Die Melasse stammt aus der Karibik, gebrannt wird sie für uns auf der Schwäbischen Alb, und gereift wird ausschließlich im Maulbeerbaum-Fass. Karibischer Rohstoff, schwäbisches Handwerk, eigene Fassreifung – und trotzdem, ganz offiziell, waschechter Rum nach EU-Recht.
Die Kehrseite: Wenn’s eben kein Zuckerrohr ist
Spannend wird’s an der Stelle, wo Hersteller versuchen, die Rohstoffbasis zu strecken oder auszutauschen. Das bekannteste Negativbeispiel aus Deutschland ist der sogenannte Inländerrum, allen voran Stroh Rum: Der wird nicht aus Zuckerrohr, sondern auf Basis von Zuckerrübenalkohol hergestellt und zusätzlich künstlich aromatisiert. Damit erfüllt er die EU-Definition von Rum an gleich zwei Stellen nicht – falscher Rohstoff, künstliche Aromatisierung. Deshalb darf so ein Produkt offiziell auch nicht „Rum“ heißen, sondern muss als „Rum-Verschnitt“ oder „Spirituose auf Rum-Basis“ gekennzeichnet werden.
Der Flensburger Rum-Verschnitt: Eine deutsche Extrawurst
Noch spannender ist eine ganz eigene deutsche Kategorie mit langer Tradition: der Flensburger Rum-Verschnitt. Dabei wird kräftiger, meist jamaikanischer Rum mit Wasser und Neutralalkohol gestreckt – vorgeschrieben ist, dass mindestens 5 Prozent des enthaltenen Alkohols aus echtem Rum stammen müssen, bei mindestens 37,5 Prozent Vol. Trinkstärke am Ende. Das ist im wörtlichen Sinn ein Verschnitt: ein bisschen echter Rum, viel Neutralalkohol und Wasser drumherum. Rechtlich sauber deklariert und historisch bedingt (Flensburg war jahrhundertelang Deutschlands wichtigster Rum-Umschlagplatz), aber geschmacklich in einer völlig anderen Liga als ein Rum mit hohem Original-Anteil.
Warum diese Unterscheidung für dich als Käufer zählt
Wenn du im Regal „Rum“ liest, weißt du jetzt: Das sagt nichts über den Ort der Destillation aus – nur, dass der Rohstoff zu mindestens 100 Prozent Zuckerrohr ist und keine künstlichen Aromen zugesetzt wurden. Steht dagegen „Rum-Verschnitt“ oder „Spirituose auf Rum-Basis“ auf der Flasche, weißt du: Hier ist entweder der Rohstoff nicht rein Zuckerrohr, oder der Anteil an echtem Rum ist gering. Beides hat seine Berechtigung im Regal – aber es macht eben einen Unterschied, ob du für „Rum“ oder für „Rum-artiges Getränk“ bezahlst.
Fazit
Rum muss nicht in der Karibik gebrannt werden, um sich zu Recht Rum zu nennen – entscheidend ist ausschließlich der Rohstoff. Das eröffnet spannende Möglichkeiten für europäische und deutsche Brennereien, wie wir sie bei einem unserer eigenen Wanted-Rums nutzen. Gleichzeitig zeigt der Blick auf Stroh Rum und den Flensburger Rum-Verschnitt: Sobald der Rohstoff wechselt oder der Rum-Anteil sinkt, greift automatisch eine andere, ehrliche Bezeichnung. Wer das kennt, liest jedes Rum-Etikett künftig mit ganz anderen Augen.
Häufige Fragen
Muss Rum in der Karibik hergestellt werden, um Rum zu heißen?
Nein. Die EU-Verordnung schreibt nur den Rohstoff (Zuckerrohrmelasse, -sirup oder -saft) und die Herstellungsweise vor, nicht den geografischen Ort der Destillation. Rum darf also auch legal in Deutschland gebrannt werden.
Warum darf Stroh Rum nicht „Rum“ heißen?
Weil er auf Basis von Zuckerrübenalkohol statt Zuckerrohr hergestellt und zusätzlich künstlich aromatisiert wird. Beides widerspricht der EU-Definition von echtem Rum, weshalb er offiziell als „Rum-Verschnitt“ oder „Spirituose auf Rum-Basis“ verkauft werden muss.
Was ist ein Flensburger Rum-Verschnitt?
Eine traditionelle deutsche Kategorie, bei der starker, meist jamaikanischer Rum mit Wasser und Neutralalkohol gestreckt wird. Mindestens 5 Prozent des Alkoholgehalts müssen aus echtem Rum stammen, bei mindestens 37,5 Prozent Vol. Gesamtstärke.
Ist importierte Melasse, die in Europa gebrannt wird, weniger wertig als karibischer Rum?
Nicht automatisch. Qualität hängt von Rohstoff, Brennhandwerk und Reifung ab, nicht vom Breitengrad der Destillerie. Entscheidend ist, dass die Melasse oder der Zuckerrohrsaft echt und die Herstellung sauber ist.
Erstellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft von Matthias Kaufmann / Artsequence Spirits.
