Wenn der spanische Stil der elegante Diplomat ist — dann ist der englische Stil der Pirat.
Laut. Charakterstark. Unverwechselbar. Und für viele Rum-Kenner der interessanteste Stil überhaupt.
Woher kommt der Name?
Wie beim spanischen Stil geht der Name auf die Kolonialgeschichte zurück. Die Briten brachten ihre eigenen Vorstellungen in die Karibik — und die waren alles andere als auf Leichtigkeit ausgerichtet.
Die britische Navy war bekannt für ihren Rum. Jeden Tag bekamen die Matrosen ihre „Tot” — ihre tägliche Rum-Ration. Und der musste stark, haltbar und charaktervoll sein. Kein leichter Cocktail-Rum — sondern etwas das auch nach Wochen auf See noch schmeckte.
Diese Tradition prägt den englischen Stil bis heute.
Wo wird er hergestellt?
Die wichtigsten Länder des englischen Stils sind:
- Jamaica — die absolute Hochburg, bekannt für intensive Fruchtnoten und Funk
- Barbados — gilt als Geburtsort des Rums, ausgewogen und elegant
- Guyana — Heimat des legendären Demerara Rums, dunkel und tief
- Trinidad & Tobago — vielseitig, sowohl leichte als auch kräftige Stile
- Bermuda — klein aber fein
- Belize, St. Lucia — ebenfalls englischer Tradition verhaftet
Was macht den englischen Stil aus?
Rohstoff: Melasse
Auch hier meist Melasse — aber die Verarbeitung ist eine andere.
Destillation: Pot Still
Das ist der entscheidende Unterschied. Der Pot Still — die klassische Brennblase — destilliert langsamer und weniger hoch. Das bedeutet: Mehr Eigencharakter, mehr Aromen, mehr Komplexität im Destillat.
Jamaica hat mehr Pot Stills als jede andere karibische Insel. Das ist kein Zufall.
Fermentation: Lang und intensiv
Im englischen Stil wird oft länger fermentiert — manchmal wochenlang. Dabei entstehen intensive Ester — chemische Verbindungen die für fruchtige, manchmal fast überwältigende Aromen verantwortlich sind.
Wer jamaikanischen Rum kennt, kennt diesen Charakter: Überreife Banane, Ananas, manchmal fast ein bisschen „funky” oder gärig. Das ist kein Fehler — das ist Absicht.
Reifung: Oft länger, oft kräftiger
Englische Rums reifen oft länger und in schwereren Fässern. Das gibt ihnen ihre Tiefe und Komplexität.
Was ist „Funk” — und warum mögen das Kenner so?
„Funk” ist der Begriff für diese charakteristischen, intensiven, manchmal fast wilden Aromen im jamaikanischen Rum.
Hervorgerufen durch besonders hohe Ester-Gehalte — entsteht dieser Charakter durch lange Fermentation und bestimmte Hefen. Manche Destillerien haben eigene Hefekulturen die seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten verwendet werden.
Funk ist ein Erwerbsgeschmack. Wer das erste Mal einen hochestrigen jamaikanischen Rum probiert, ist manchmal überrascht — oder sogar abgeschreckt. Wer aber einmal verstanden hat was dahintersteckt, wird süchtig.
Demerara Rum — ein Sonderfall
Guyana produziert den sogenannten Demerara Rum — benannt nach dem Demerara-Fluss.
Was ihn besonders macht: Die Destillerie Demerara Distillers Ltd. betreibt noch heute historische Pot Stills aus dem 18. und 19. Jahrhundert — darunter den legendären „Wooden Coffey Still” und den „Port Mourant Double Pot Still”. Diese alten Anlagen geben dem Rum einen unverwechselbaren, tiefen, fast holzigen Charakter.
Wer einmal einen alten Demerara Rum probiert hat, vergisst ihn nicht.
Für wen ist der englische Stil?
Für Whisky-Trinker — absolut. Die Komplexität, die Tiefe, der Charakter erinnern oft an guten Single Malt.
Für Abenteurer — perfekt. Wer Rum wirklich entdecken will, kommt am englischen Stil nicht vorbei.
Für Einsteiger — mit Vorsicht. Direkt mit einem hochestrigen jamaikanischen Rum anzufangen kann überwältigend sein. Besser: Mit Barbados anfangen, dann Jamaica.
Was das für dich bedeutet
Wenn du das nächste Mal einen jamaikanischen oder barbadischen Rum im Glas hast — rieche zuerst. Lass dir Zeit. Die Aromen öffnen sich langsam.
Und wenn du denkst „das riecht irgendwie intensiv” — genau das ist der Punkt. Das ist kein Fehler. Das ist Charakter. 🏴☠️
Im nächsten Artikel geht es um den dritten großen Stil — den französischen Rhum Agricole. Der ist nochmal eine ganz andere Welt.
Neugierig auf englischen Rum? Komm vorbei — wir haben einige spannende Vertreter dieses Stils und erklären dir den Unterschied direkt im Glas.
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