Wir haben in Teil 4 gelernt: „100% Agave“ bedeutet, dass der komplette fermentierbare Zucker aus der Blauen Weber-Agave stammt. Was viele nicht wissen: Dieser Satz sagt nichts darüber aus, ob dem fertigen Destillat danach noch etwas hinzugefügt wurde. Genau hier liegt eine der größten, am wenigsten bekannten Grauzonen der gesamten Tequila-Welt.
Was die Norm erlaubt: die „Abocantes“
Die offizielle mexikanische Norm NOM-006-SCFI-2012 erlaubt unter dem Begriff „Sazonadores“ bzw. umgangssprachlich „Abocantes“ (etwa: Abrundungsmittel) den Einsatz von vier bestimmten Zusatzstoffen, solange ihr gemeinsamer Anteil maximal 1 Prozent des Gesamtgewichts vor der Abfüllung nicht überschreitet:
- Glycerin – für ein weicheres, runderes Mundgefühl
- Zuckerkulör – zur Farbanpassung, macht das Destillat optisch dunkler und „reifer“ wirkend
- Eichenextrakt – simuliert Aromen, die eigentlich aus echter Fassreifung stammen sollten
- Zuckersirup – zur Süßung, teils mit extrem hoher Süßkraft, sodass schon winzigste Mengen den Geschmack spürbar verändern
Der entscheidende Punkt: Diese Zusätze sind völlig legal, auch bei „100% Agave“-Tequila – und es besteht keinerlei Pflicht, sie auf dem Etikett anzugeben.
Warum „100% Agave“ und „additivfrei“ zwei verschiedene Fragen sind
„100% Agave“ beantwortet ausschließlich die Frage nach der Rohstoffquelle für den Zucker. Ob danach noch etwas zugesetzt wurde, um Geschmack, Farbe oder Textur zu verändern, ist eine völlig separate Frage – und genau die wird vom Etikett in aller Regel nicht beantwortet. Ein Hersteller kann also völlig zurecht „100% Agave“ draufschreiben, obwohl das fertige Destillat durch Zuckersirup, Farbstoff und Eichenextrakt geschmacklich massiv „aufgehübscht“ wurde.
Warum die 1-Prozent-Grenze größer wirkt, als sie klingt
Ein Prozent klingt nach wenig – ist es aber nicht zwangsläufig. Manche der eingesetzten Süßstoffe sind laut Branchenkennern um ein Vielfaches süßer als gewöhnlicher Zucker. Das bedeutet: Schon ein winziger Bruchteil der erlaubten Höchstmenge kann den Geschmack eines Tequila spürbar verändern. Die meisten seriösen Marken bleiben nach eigenen Angaben deutlich unter der 1-Prozent-Grenze, oft im Bereich von wenigen hundertstel Prozent – trotzdem reicht das aus, um die geschmackliche Handschrift eines Produkts entscheidend zu prägen.
Die Kombination macht’s: Farbe + Aroma = simulierte Reife
Besonders wirkungsvoll wird die Kombination aus Zuckerkulör und Eichenextrakt: Zusammen können sie einen kaum gereiften Tequila optisch und geschmacklich so wirken lassen, als hätte er ein ganzes Jahr im Fass verbracht – ähnlich wie wir es bereits bei Rum (Teil 6 unserer Rum-Serie) zur Farb-Frage besprochen haben. Der Unterschied bei Tequila: Die 1-Prozent-Regel erlaubt hier eine noch direktere, gezieltere geschmackliche Manipulation, nicht nur eine reine Farbanpassung.
Sind Additive automatisch etwas Schlechtes?
Nicht zwangsläufig. Kleine, konsistenzsichernde Korrekturen zwischen verschiedenen Chargen sind in der Spirituosenherstellung keine Seltenheit und dienen oft schlicht der Wiedererkennbarkeit einer Marke. Problematisch wird es dort, wo Zusatzstoffe genutzt werden, um handwerkliche Schwächen zu kaschieren oder eine Qualität vorzutäuschen, die eigentlich nicht vorhanden ist – und wo niemand verpflichtet ist, das offenzulegen.
Wie du additivfreien Tequila erkennst
Da eine Kennzeichnungspflicht fehlt, bleibt nur ein Weg: aktiv nach additivfreien Herstellern suchen. Immer mehr Marken werben inzwischen explizit mit „additive-free“ oder vergleichbaren Aussagen und dokumentieren das teils sogar öffentlich über eigene technische Datenblätter. Wer sichergehen will, sollte gezielt nach solchen Herstellerangaben suchen oder direkt beim Fachhändler nachfragen.
Fazit
„100% Agave“ ist ein wichtiges, aber unvollständiges Qualitätsversprechen. Ob wirklich nur Agave im Spiel war oder ob am Ende noch nachgeholfen wurde, verrät dieser Satz allein nicht. Wer bewussten Tequila-Genuss sucht, muss über das Etikett hinausschauen – und im Zweifel gezielt nach additivfreien Produzenten fragen.
Häufige Fragen
Kann ein „100% Agave“-Tequila trotzdem Zusatzstoffe enthalten?
Ja. Bis zu 1 Prozent des Gesamtgewichts dürfen aus den erlaubten Zusatzstoffen Glycerin, Zuckerkulör, Eichenextrakt und Zuckersirup bestehen, ohne dass dies die „100% Agave“-Angabe ungültig macht oder deklariert werden muss.
Welche vier Zusatzstoffe sind bei Tequila erlaubt?
Glycerin (Mundgefühl), Zuckerkulör (Farbe), Eichenextrakt (simulierte Fassaromen) und Zuckersirup (Süße), gemeinsam begrenzt auf maximal 1 Prozent des Gesamtgewichts.
Muss ein Hersteller den Einsatz dieser Zusatzstoffe angeben?
Nein. Die mexikanische Norm NOM-006-SCFI-2012 sieht keine Deklarationspflicht für diese Zusätze vor, solange die 1-Prozent-Grenze eingehalten wird.
Wie finde ich additivfreien Tequila?
Indem du gezielt nach Herstellern suchst, die explizit mit „additive-free“ werben und dies dokumentieren, oder direkt beim Fachhändler nachfragst, da die Information auf dem Standard-Etikett meist fehlt.
Erstellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft von Matthias Kaufmann / Artsequence Spirits.

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